Vortrag von Prof. Asmus J. Hintz anlässlich des YMS-Kongresses im Juni 2007 in Berlin.
Der demografische Wandel der kommenden Jahrzehnte ist gekennzeichnet durch weiterhin abnehmende Geburtenzahlen und den Anstieg auf der Seite der immer älter werdenden Erwachsenen. Die „demografischen Eckpfeiler“, Kleinkinder und ältere Erwachsene sind - aus Sicht der Musikschulen - das Zukunftspotenzial. Nachdem wir inzwischen gut gerüstet sind, die frühkindliche Musikalisierung in die Breite der Gesellschaft zu tragen (Robbie – Simsa / Kraki – Wum – H&T) wird es Zeit, sich mit den älteren Mitbürgern, ihren Ansprüchen und Potenzialen eingehender zu befassen. Wer als Musikschule in naher Zukunft die komplette „musikdidaktische demografische Palette“ abdecken kann, wird die kommenden 20 Jahre sicher meistern.
Bevor wir uns den „Alten“ widmen, noch ein kurzer Blick zurück auf die Kleinsten unserer Gesellschaft. Warum? Sie sind die „Alten“ von morgen. Getreu dem Motto „Lieber früh investieren, als spät reparieren“, muss unsere Aufmerksamkeit der frühkindlichen Bildung als sinnvolle Investition in den Aufbau einer sozial stabilen Gesellschaft gelten.
„Zeit ist Liebe, Gewalt ist rasch.“ (Jürgen Habermas)
Einer aktuellen Untersuchung zufolge verbringen in Deutschland Erwachsene bis zu drei Stunden täglich mit TV-Konsum, aber mit Gesprächen mit ihren Kindern nur sieben Minuten (täglich!).
Die Erziehungsprinzipien „wohlwollend – vorlebend – konsequent“ sind vielen Eltern fremd. Die Folgen spüren wir u. a. an der Zunahme von Gewalthandlungen gegenüber Personen und Sachen, ausgeübt von Kindern und Jugendlichen.
Musik und Musizieren fördern das Sozialverhalten.
Es ist erwiesen, dass eine intensive Beschäftigung mit Musik und insbesondere das Spielen von Musikinstrumenten zu einem ausgewogenen sozialen Verhalten der Kinder und Jugendlichen führt.
Anders als beim Sport, der den Wettbewerbsgedanken in den Mittelpunkt stellt - höher, schneller, weiter, stärker -, fördert das Musizieren das Zuhören, die Empathie, das Sich-Unterstützen usw. Der Zusammenhang zwischen klassischer Musik und Aggressionsminderung ist belegt. In Newcastle ist durch das Abspielen klassischer Musik auf Bahnhöfen ein drastischer Rückgang von Vandalismus im öffentlichen Nahverkehr festgestellt worden. Die jährliche Schadensbilanz konnte um mehr als 700.000 € reduziert werden.
Musizieren vermindert die Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt gegen Personen und Sachen und ist so gesehen eine wirksame Prävention, eine Schutzimpfung gegen Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft.
Die gesellschaftliche Bedeutung einer adäquaten Musikerziehung ist heute von weitaus größerer Bedeutung, als bisher angenommen wurde. Nicht die Vermittlung von Fertigkeiten und Wissen allein, sondern auch die Bildung der Persönlichkeit muss das Ziel sein.
Wir brauchen eine „Initiative zur Förderung gesellschaftlicher Bildung durch Musik“, die sich für die Entwicklung musikalischer Bildung aller Kinder ab der Geburt einsetzt, damit
· Eltern erfahren und erleben können, wie Musik ihr Kind bereits ab der Geburt in seiner Entwicklung prägen kann,
· jedes Kind den eigenen Umgang mit Musik in der Kinderkrippe, dem Kindergarten und der Vor- und Musikschule als selbstverständlichen Bestandteil seines täglichen Lebens erfahren kann,
· jedes Kind bereits in der Grundschule durch das Erlernen und Spielen eines Musikinstruments seiner Wahl emotionale und praktische Erfahrungen im Umgang mit der Musik machen kann (Initiative „Jedem Kind ein Instrument!“).
Durch musikalische Bildung in der Breite der Gesellschaft ermutigen wir Menschen, das eigene Musizieren - in welcher Form und auf welcher Fähigkeitsstufe auch immer - als selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens zu verstehen.
Musizieren bringt Spaß. Sich anzustrengen, ein bestimmtes Stück spielen zu können, zu erleben, wie andere sich durch mein Musizieren angesprochen fühlen, das verschafft Befriedigung, Zufriedenheit und das Selbstbewusstsein „Ich kann was, ich bin was.“.
Musik ist die einzige wirkliche „Weltsprache“, die von allen Menschen gleichermaßen verstanden wird. Sie wirkt unmittelbar auf die Seele und beeinflusst Gefühle und Verhalten, leistet einen Beitrag zum Frieden und der Verständigung der Völker.
Hector Berlioz hat in seiner Novelle „Euphonia“ oder „Die musikalische Stadt“ visionär die kulturelle Atmosphäre Deutschlands im Jahre 2344 beschrieben. Während er das Paris dieser fernen Zeiten in Intrigen und Modenschauen erstickt sieht, während in Italien die Theater zu Stätten der Börsenspekulation verkommen sind, blickt die Welt sehnsuchtsvoll auf das deutsche „Euphonia“, eine kleine Stadt von 12.000 Seelen am Abhang des Harzes gelegen (er meinte damit Braunschweig), in der die Musikausübung die einzige Bestimmung ihrer Bewohner darstellt. Sogar die Polizeiordnung wurde dort nach ästhetischen Kriterien ausgerichtet: Wer keinen Sinn für musikalischen Ausdruck besitzt, muss die Stadt verlassen. Jeder Bürger von „Euphonia“ singt und spielt Instrumente. Gemeinschaftliches Musizieren wird als selbstverständliches Ideal propagiert – eine Vision, die auch wir verfolgen. Bis 2020 möchten wir die musikalische Bildung in der Breite unserer Gesellschaft etabliert wissen.
Das Unternehmen YAMAHA, weltweit der größte Hersteller von Musikinstrumenten jeder Art, besteht seit 120 Jahren. Unter anderem durch die YAMAHA Musikschulen setzt sich YAMAHA seit 1954 auf der ganzen Welt mit dem Schwerpunkt der frühkindlichen Musikalisierung für die Förderung der musikalischen Bildung ein.
Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum (F. Nietzsche)
Die bildungspolitische Bedeutung der frühkindlichen Musikalisierung
Deutschland – Land ohne Lieder?
„Heutzutage hört man die Deutschen nur noch beim Fußball singen und wenn sie sturzbetrunken sind." Der Leipziger Thomaskantor Georg Christoph Biller hat bei dieser Einschätzung zwar drastisch überspitzt, den Kern des Problems aber getroffen: Wer an der Musikerziehung spart, untergräbt das kulturelle Fundament der Gesellschaft.
Bildung ist mehr als Pisa, musikalische Bildung erst recht. Wir müssen Kinder und Jugendliche ermuntern, wieder mehr zu singen oder ein Instrument zu spielen und damit vielleicht auch zu mehr Menschenfreundlichkeit in diesem Land beitragen.
Wegen der vielfältigen positiven Wirkungen des Musizierens auf den Einzelnen und die Gesellschaft brauchen alle musikpädagogischen Initiativen - insbesondere Musikschulen - jede denkbare Unterstützung des Staates, der Kommunen und der Wirtschaft.
Frühkindliche Bildung und Erziehung
Es hat sich herumgesprochen: Kindertagesstätten und Kindergärten sind Bildungseinrichtungen und für die Bildungskarriere ebenso wichtig wie Schulen. Das Verständnis von Kindheit und der Stellung von Kindern in unserer Gesellschaft muss neu definiert werden. Kindergärten sind keine Verwahranstalten, in denen Kinder nur betreut und aufbewahrt werden, bis die Eltern sie wieder abholen.
Die Eltern scheuen sich, ihrem Kind ein Liedchen vorzusingen. Die Kindergärtnerin hält sich für unmusikalisch, und außerdem hat man es in der Ausbildung ja auch nicht richtig gelernt.
Eltern haben heutzutage trotz der Allgegenwart von Musik kein abrufbares Liedgut für die Kommunikation mit ihren Kindern mehr parat, sie wissen nicht, was und wie sie mit ihren Kleinkindern spielen oder singen könnten.
In der Grundschule fallen 80 % des Musikunterrichts ohnehin aus (VDS). Wird er erteilt, dann häufig von fachfremd unterrichtenden Lehrkräften, selten von ausgebildeten Fachkräften.
Dass ihre Kinder schon vor Schulbeginn einem unangemessenen Lern- und Leistungsdruck ausgesetzt werden könnten, befürchten viele Eltern ebenso wie den Verlust des natürlichen, kindlichen Spieltriebes, lassen deswegen den Kindern viel „Spielraum“ und vermeiden es, Grenzen zu setzen.
Die Denkweise „mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens", ist symptomatisch für die Einstellung der Deutschen zum Thema Bildung: Lernen bedeutet nicht Spaß, Freude oder Chance, sondern Arbeit, Langeweile und Zwang. Diese Einstellung ist fundamental falsch! Vielfach wird Kindheit als ein Schonraum gesehen, in dem Kindern keine Lernerfahrungen zugemutet werden. Wer Kindern in diesem Sinne „ihre Kindheit lässt“, fördert die intellektuelle Vernachlässigung von Kindern.
Musikalische Bildung
Musikalische Bildung
· steigert die Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit mit dem Medium Musik,
· führt Menschen zu gemeinsamem Handeln und Erleben zusammen,
· mindert die Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt als Mittel der Konfliktbearbeitung,
· entwickelt kognitive, emotionale und soziale Schlüsselqualifikationen,
· befähigt zu Kreativität und Teamfähigkeit,
· öffnet Wege zu sinnerfüllter Lebensgestaltung bis ins hohe Alter.
„Musikalische Bildung zeigt sich in dem Vermögen, Musik musikalisch erfahren, erleben, darstellen und verstehen zu können. Nicht Wissen über Musik, sondern Kompetenz in Musik ist ihr Merkmal - Kompetenz, die sich in Produktion und Reproduktion, Improvisation und Interpretation, Empathie und kritischer Beobachtung niederschlägt.
Die musikalische Bildung beginnt neun Monate vor der Geburt
Ob Wiegenlied oder Titelmelodie einer bekannten Fernsehsendung – neugeborene Kinder erkennen die Melodien in den ersten Tagen nach der Geburt wieder. Untersuchungen zeigten: Musikalisches Lernen beginnt schon pränatal, im mütterlichen Uterus. Die meisten Kleinkinder verfügen über das absolute Gehör, es hilft ihnen beim Spracherwerb. Ohne eine frühe musikalische Ausbildung geht diese Fähigkeit jedoch bei den meisten Menschen wieder verloren.
Bei der Geburt besteht das Gehirn des Babys aus 100 Milliarden Zellen. Wie leistungsfähig und ausgebaut das Leitungsnetz sein wird, hängt - so die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologen - wesentlich von der Förderung des Kindes ab. Über die Kapazität entscheidet allein die Vernetzung der Nervenzellen. Das Gehirn ist nicht statisch, sondern vielmehr äußerst plastisch, d. h., es passt sich den Bedingungen und Gegebenheiten der Umgebung zeitlebens an. Es ist, wie wir heute wissen, die Lebenserfahrung eines jeden Menschen, die sein Gehirn zu etwas Einzigartigem macht. Bezogen auf Musik heißt dies, dass jede Form von gehörter und gemachter Musik zu Veränderungen im Zentralnervensystem führt, die messbar und nachweisbar sein werden. Man bezeichnet die Anpassungsvorgänge im Zentralnervensystem an die Lebenserfahrung eines Organismus als Neuroplastizität. Da Neuroplastizität „von der Wiege bis zur Bahre“ vorliegt, sagt dieser Sachverhalt auch, dass Musik letztlich nur durch das Hören und Machen von Musik in die Köpfe der Menschen gelangt.
Für Yamaha Music Education ist die frühkindliche Musikalisierung seit 1954 das musikpädagogische Leitthema. Langjährige Erfahrungen und Erkenntnisse aus der musikalischen Bildungsarbeit mit Babys und Kleinkindern führten zur Entwicklung eines durchgängigen Curriculums für musikalische Bildung für Kinder ab der Geburt bis in die allgemein bildende Schule. Das ist in der deutschen Bildungslandschaft einmalig und verleiht unserer Arbeit große Kraft.
Bildungspolitisch muss die Bedeutung der frühkindlichen musikalischen Bildung u. a. auch als ein wichtiger Beitrag zur Förderung der kindlichen Sprachkompetenz eingeordnet werden, die der Schlüssel zu jeder weiteren Bildung und späterer Berufsausübung ist. Darüber hinaus ist sie die Basis für lebenslanges Lernen und somit ein wichtiger Beitrag für die „Altersvorsorge“.
Auch im Alter: Musik!
Motto: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ (aus „Die Fledermaus“ von Johann Strauß).
Der Neurologe Eckart Altenmüller stellt in seiner „Hirnkunde des Lernens unter Berücksichtigung des Musizierens“ (hier gekürzt wiedergeben) die Wirkungen des Musizierens auf die Entwicklung des Gehirns vor:
· Musizieren im Kleinkindesalter fördert das Gehirn
· Musizieren in der Jugend formt das Gehirn
· Musizieren von Erwachsenen vernetzt das Gehirn
· Musizieren im Alter erhält das Gehirn
Demzufolge empfiehlt sich das Musizieren als lebenslange, die Lebensqualität fördernde Aktivität, als wirksame Altersvorsorge.
Im Mittelalter war man mit fünfzig alt. Heute beginnt in diesem Alter ein „neues Leben“ voller Aktivität und neuer Herausforderungen. Mit fünfzig nimmt man viele Dinge anders wahr. Es wird einem bewusst, dass, sofern man nicht über das genetische Potenzial eines Johannes Heesters verfügt, mehr als die Hälfte der Lebenszeit hinter einem liegt. Der Lebenshorizont wird überschaubar. Das Bedürfnis, die verbleibenden Jahre bewusst zu gestalten, wächst ebenso wie die Neigung, das bisherige Leben zu bilanzieren und Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden. Prioritäten werden neu gewichtet, Gelassenheit und eine distanziertere Sicht der Dinge stellen sich ein.
Der demografische Wandel bestimmt die gesellschaftspolitische Diskussion. Immer mehr Menschen werden in den Industriegesellschaften immer älter und finden immer weniger Arbeit. Die Lebensarbeitszeit wird kürzer, auch weil mehr „jüngere Ältere“ aus dem Arbeitsprozess entlassen werden. Die Zahl der Single-Haushalte wächst, die Kinderlosigkeit in unserer Gesellschaft nimmt zu und die Alterspyramide steht auf dem Kopf. Der stetig wachsenden Gruppe der Alten steht eine stetig kleiner werdende Gruppe von Arbeitnehmern gegenüber: der Generationenvertrag droht seine sozio-ökonomische Basis zu verlieren, und Demografen prognostizieren für die Zeit um 2050 einen Kollaps der Sozialsysteme. Die verschiedenen Altersstufen stehen einander mit Unverständnis gegenüber: Alte vergessen, dass sie jung gewesen sind oder dass sie jetzt alt sind, und Junge erkennen nicht, dass sie die Alten von morgen sein werden.
Senioren
Der ältere Mensch wird auch als „Senior“ bezeichnet – aber wer ist ab welchem Alter ein Senior? Allgemein werden Menschen ab 60-65 Jahren als „Senioren“ bezeichnet. Von allen Altersgruppen verfügt diese über das größte Freizeitpotenzial. Mit der Gestaltung dieser Freizeit wird sich intensiv auseinandergesetzt, denn vielfach möchte man im Rentenalter Aktivitäten nachholen, für die vorher zu wenig oder keine Zeit war. Die Ansprache („Bewerbung“) dieser Altersgruppe erweist sich allerdings als schwierig. So beziehen sich die meisten Angebote der unterschiedlichen Anbieter des Profit- und des Non-Profitbereichs für Senioren auf die sog. „New Generation“ und gelten für Menschen ab 50 Jahren (oft auch als „50 plus“ bezeichnet). Senioren lassen sich nicht gern als solche titulieren, weil sie das Alter in der Ansprache als Ausgrenzungs-Kriterium erleben. Der Fünfzigjährige will auf keinen Fall als „alt“ gelten, der Sechzigjährige noch lange nicht, der Fünfundsechzigjährige fühlt sich topfit, der Siebzigjährige... Die Bezeichnung „älterer Erwachsener“ hingegen findet eher Zustimmung: Mit 50 ist man ein alter Junger, mit 60 ein junger Alter, mit 70 mittelalt und erst ab 80 alt. Typische „Seniorenangebote“ finden daher erst bei den Über-70-Jährigen Zuspruch. Anders verhält es sich mit altersgebundenen Vergünstigungen sowie der Inanspruchnahme von Angeboten zu für Arbeitnehmer ungünstigen Zeiten: diese werden im Allgemeinen gern angenommen. Auch gibt es Ältere, die bewusst den Kontakt zu Jüngeren suchen und sich daher nicht auf spezielle Seniorenprogramme begrenzen lassen wollen.
Für die Wirtschaft stellt das Marktsegment der Älteren sowohl quantitativ als auch hinsichtlich der finanziellen Möglichkeiten neben Kindern und Jugendlichen künftig die wichtigste Zielgruppe dar. Wer auf die speziellen Bedürfnisse dieser Menschen eingeht, hat gute Chancen, auf Akzeptanz. Das Segment „Senioren“ muss in mindestens zwei große Gruppierungen eingeteilt werden: Die aktiven, rüstigen Rentner, die sich in ihrem Verhalten kaum von anderen Gruppen unterscheiden, und die gesundheitlich beeinträchtigten Menschen. Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Geselligkeit sowie die Annahme von Themen, die sich mit Fitness und Gesundheit beschäftigen, kennzeichnen die aktiven älteren Erwachsenen. In jedem Fall werden qualitativ hochwertige Produkte oder Dienstleistungen erwartet und oft auch beachtliche Finanzmittel eingesetzt.
Mit gängigen Angeboten werden in den seltensten Fällen Menschen aus Seniorenheimen und ähnlichen Institutionen angesprochen, da sie, abgesehen von der nachlassenden Motivation, weniger beweglich sind, um außerhalb ihres Heims Aktivitäten wahrzunehmen. Für diese Klientel bedarf es mobiler Angebote, um dort mit den Interessierten zu arbeiten.
Endlich Zeit!
Ein ehemaliger Geschäftsführer eines großen Medienunternehmens, Vater zweier erwachsener Kinder und Großvater, anlässlich seines 67. Geburtstags: „Auf die Zeit des Ruhestands hatte ich mich sehr gefreut. Endlich frei! Keine Termine und Verpflichtungen mehr. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung pur. Zunächst habe ich mich um den Garten gekümmert, dann meinen Papierkram auf Vordermann gebracht und die notwendigen Reparaturen im und am Haus erledigt. Das meiste selbst gemacht! Aber nach einer gewissen Zeit hat man das ja alles im Griff. Gut, wir schlafen länger, lesen viel, hören Musik, gehen hin und wieder ins Theater, manchmal ins Konzert. Tolle Reisen haben wir gemacht: Indien, Südamerika, Ägypten. Noch sind wir ja mobil. Später wird das nicht mehr so möglich sein. Andererseits fühle ich mich immer noch sehr fit. Schade, dass ich nichts Richtiges mehr bewegen kann. Früher, da wurde man gefragt, da war man wichtig – und heute? Du bist eben nur noch Rentner. Dabei könnte ich noch so viel Nützliches bewirken, schließlich habe ich viel Erfahrung und ein immer noch funktionierendes Netzwerk interessanter Verbindungen. Ehrenamt? Nein, danke! Früher habe ich so etwas gemacht. Die Erfahrungen reichen mir. Immer alles diskutieren müssen. Mit irgendwelchen Leuten, die letztlich keine Ahnung von den Dingen haben und auch keine klaren Ziele verfolgen. Nein, etwas richtig Sinnvolles, das fehlt mir. Gut, ich habe wieder angefangen, Klavier zu üben, habe mir einen Lehrer genommen, und regelmäßig spiele ich mit zwei Leuten ungefähr in meinem Alter Jazzstandards. Das bringt Spaß. Hin und wieder bräuchten wir allerdings mal jemanden, der uns einige Tipps gibt, wie wir weiterkommen könnten. Immer das Gleiche und auf der Stelle treten bringt es auf Dauer auch nicht.“
Keine Zeit!
Der Stoßseufzer „Hätte ich früher nur mehr Zeit gehabt, dann hätte ich...“, ist lediglich ein Vorwand. Wir haben 24 Stunden Zeit pro Tag, setzen jedoch unterschiedliche Prioritäten. Die älteren Erwachsenen, zumal jene im Rentenalter, haben plötzlich viel Zeit. Warum zögern dennoch viele, ihren Wunsch(-Traum) zu verwirklichen?
Musikvermittlung – eine Zukunftsaufgabe
Die Allgegenwärtigkeit und permanente Konsumierbarkeit von Musik jeden Genres hat in den vergangenen 50 Jahren zu einem stark veränderten Umgang mit Musik geführt. Durch Rundfunk, Fernsehen, Walkman, CD, MP3-Player, durch eine große Vielfalt von Konzertveranstaltungen jedweder Art ist Musik zu einem Konsumgut geworden. Ob am Arbeitsplatz, im Kaufhaus, beim Zahnarzt, im Flugzeug, im Auto oder im Kuhstall: Ohne Musik geht nichts mehr.
Für viele Menschen steht das Musikhören an vorderer Stelle ihrer Freizeitaktivitäten. Aber ca. 70 % der Bevölkerung betätigen sich in keiner Form musizierend. Durch Elternhaus, Kindergarten, Schule und Freundeskreis erworbene Sing- und Musizierhemmungen unterschiedlicher Art halten sie davon ab.
Faktum ist: Die digitalisierte Klangwelt vermittelt den Menschen ein Nullfehler- und Perfektionsideal, das es in der Musizier-Praxis nicht gibt. Man fürchtet, diesem Standard nicht zu entsprechen und vermeidet daher eigene musikalische Betätigung.
Die demographische Entwicklung in Europa stellt unsere Bildungssysteme vor neue Aufgaben. Nie war der Begriff „lebenslanges Lernen“ so aktuell wie heute. Der Anteil der über Fünfundsechzigjährigen wächst stetig und wird bis 2050 mehr als 40 % unserer Gesamtbevölkerung ausmachen.
Bei den Ausgaben für Kulturangebote liegen die 50-bis 65-Jährigen ganz vorn mit durchschnittlich 100 – 250 Euro pro Jahr. Sie stellen besonders hohe Ansprüche an die Qualität.
Ihre Motive für Kunst und Kultur sind:
· Entspannung und Unterhaltung
· Ästhetik, das Schöne
· Kunst als Wertanlage, es gehört zum guten Stil
· erstklassige Umgebung, Ambiente
Spartenspezifisch betrachtet rangiert die Musik ganz vorn auf der Beliebtheitsskala der Befragten. Zu 70–80 % nennen sie das Hören von Musical, Oper und Operette als beliebteste Freizeitbetätigung.2
Ende 2007 wird das Zentrum für Kulturforschung eine vom BMBW beauftragte bundesweite Studie zum Thema „Erwerb von Fähigkeiten“ veröffentlichen. Da wird u. a. auch der Frage nachgegangen „Wer spielt wann und warum Klavier“.
Die heute 70-Jährigen hingegen haben nur geringes Interesse an kulturellen Aktivitäten. Einerseits liegt dies an gesundheitlichen Einschränkungen und andererseits in ihrer finanziellen Situation begründet.
Diese Erkenntnisse sind für unsere weiteren Überlegungen von Bedeutung.
Einerseits müssen wir als YMS die großen Bildungspotenziale der frühkindlichen Persönlichkeit stärker und konsequenter fördern und andererseits musikalische Bildungsangebote für Menschen im dritten Lebensabschnitt entwickeln. Die demografische Entwicklung stellt uns diese Aufgabe
Entfalten statt liften!2
Ältere Erwachsene entdecken für sich beispielsweise die bildende Kunst oder die Musik, die sie bereits in frühen Jahren faszinierte, mit der sie sich dann aber für einen längeren Zeitraum nicht beschäftigen konnten, als prägendes Element ihres Alltags.
Ein weiterer Aspekt der zuvor genannten Untersuchung war die Frage, zu welchem Zeitpunkt die Erwachsenen sich zum ersten Mal mit künstlerischen Aktivitäten beschäftigt haben. 30 % gaben an, dieses zur Ausbildungszeit getan zu haben und 40 % zum ersten Mal während ihrer Berufs- und Familienjahre.
Man beschäftigt sich lebenslang gern mit Dingen, die aufgrund von Erziehung und Bildung zur geschätzten Gewohnheit geworden sind. In diesem Sinne muss frühkindliche Bildung auch als eine wichtige Voraussetzung für geistig aktives Altern und Teilhabe an lebenslangen Lernprozessen verstanden werden. Die einen beleben in der Jugend erworbene Fähigkeiten wieder, und andere verwirklichen sich jetzt ihren Traum und erlernen ihr Wunschinstrument. Aktives Musizieren, Singen oder Tanzen kann für jeden Menschen bis ins sehr hohe Alter hinein zu einer lebendigen Erfahrung werden. Gleichzeitig aber erleben musizierende Menschen, wie ihr soziales Netz durch die Musik stabilisiert werden kann. Frühkindliche Bildung ist die wirksamste Altersvorsorge für Geist und Seele.
In seinem Aufsatz „Der Mensch“ führt Tucholsky aus: „Wenn der Mensch fühlt, dass er hinten nicht mehr hochkann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren Trauben der Welt.“ Weil die Trauben für ihn zu hoch hängen, beschließt er, dass sie ohnehin für ihn zu sauer wären: „Ich bin alt, also kann ich mir auch nichts mehr zutrauen.“ Manchen älteren Erwachsenen beschäftigt die Frage: „Kann ich in meinem Alter noch ein Instrument erlernen?“ Die Antwort lautet: Ja! Zu unterscheiden ist zwischen Wiedereinsteigern und Anfängern. Wer früher ein Instrument gespielt oder gesungen hat, kann relativ leicht die latent vorhandenen Fähigkeiten aktivieren und darauf aufbauen; obwohl längere Zeit nicht praktiziert, sind sie abrufbar und durch Übung zu entwickeln.
Das körpereigene Instrument, die Stimme, steht allen Menschen zur Verfügung. Die Fertigkeit des Singens kann auch im Erwachsenenalter leicht erworben, wieder aktiviert und verbessert werden. Generell gilt: Anfänger haben vergleichsweise mehr Herausforderungen zu meistern, aber das Gehirn des älteren Erwachsenen kann neue Informationen rasch und ökonomisch verarbeiten. Die Feinmotorik und die Beweglichkeit der Finger sind bis ins hohe Alter trainierbar. Beim Musizieren werden Hirnareale aktiviert, die bei anderen Tätigkeiten nicht angesprochen werden. Es kann wie ein Fitnesstraining für das Gehirn wirken und auch im Alter die kognitive Leistungsfähigkeit stärken, kann als „Chance bewusster Lebensgestaltung“ verstanden werden. Wichtige Erfolgsfaktoren sind die Auswahl der Musikstücke, des Instruments sowie die Lernsituation.
Fakt ist, dass ältere Erwachsene
· auch in guten finanziellen Verhältnissen leben,
· eine Zielgruppe mit beachtlichem wirtschaftlichen Wachstumspotential verkörpern,
· nach Sinn- und Selbsterfüllung streben,
· an ihrer Lernfähigkeit zweifeln (bin ich zu alt, reicht meine Fingerfertigkeit noch aus, spielt mein Gehör noch mit, kann ich mich noch genügend konzentrieren?),
· langsamer, aber auch genauer lernen,
· neurophysiologische Einbußen durch angepasste Lernstrategien kompensieren, z. B. durch das „SOK-Modell“3 (Selektion = weniger Stücke, Optimierung = weniger Stücke besser üben, Kompensation = Ritardandi vor schnellen Passagen, um das Folgende schneller erscheinen zu lassen),
· abhängig von ihrer Vorbildung und den damit verbundenen Lerngewohnheiten gute Lern- und Gedächtnisleistungen vollbringen können,
· auch komplexe Bewegungsabläufe wie beim Musizieren erlernen können,
· beim Lernen den sozialen Aspekt, das gemeinsame Erleben, den seelischen Ausgleich wichtiger finden als den Leistungsgedanken,
· bezüglich ihrer musikalischen Vorlieben auf die Erfahrungen ihres zweiten Lebensjahrzehnts rekurrieren (die heute 60-Jährigen sind stark geprägt von der Pop- und Rockmusik der sechziger Jahre),
· sich mit zunehmendem Alter stärker auch für klassische Musik interessieren.
Musik erleben – Musikvermittlung für ältere Erwachsene
Musik und eigenes Musizieren bieten vielfältige Möglichkeiten mit positiven Auswirkungen auf die Lebensgestaltung. Im folgenden Workshop in der Art eines „World Café“ werden wir nachdenken über die inhaltlichen Aspekte, über die Fragen: Was können wir den älteren Erwachsenen wie, wo und zu welcher Zeit anbieten?
Aus meiner Sicht müssen wir die Zielgruppe in drei Untergruppierungen einteilen:
· Menschen, die gern mit Gleichgesinnten in altersgemischten Gruppen ihren Interessen nachgehen möchten. Hierunter gibt es aktive und passive Musikhörer, ehemalige und aktive Instrumentalisten sowie solche, die musikalisch vor- und musikalisch un-erfahren sind.
· Menschen, die sich aufgrund ihrer Handicaps und Sorgen in altersähnlichen Gruppen ihre Bedürfnisse erfüllen und Freude erleben möchten.
· Menschen, die nach Anregungen suchen, wie sie ihr Leben allein oder in der Gruppe angenehmer, freudvoller und abwechslungsreicher gestalten können
Diese drei Gruppen verbindet, dass ältere Erwachsene, im Folgenden Teilnehmer (TN) genannt, einen hohen Selbstanspruch und daraus resultierend größere Versagensängste haben. Zudem müssen wir mit einem sehr unterschiedlichen „Beschäftigungsstand“ rechnen:
· voll Berufstätige
· Berufstätige mit Altersteilzeit
· Frühpensionierte
· Rentner
· Hausfrauen und -männer
· Menschen mit gesundheitlichen Handicaps
Es gilt herauszufinden, welche Ansprüche und Erwartungen die TN haben werden an
- das Angebot: Lernatmosphäre, musikalische Aktionen, Unterricht, Vorträge,
- sich selbst: eigene Fähigkeiten, dem Alter entsprechend, kann ich das noch erlernen?
- das Programm und das Verhältnis von Geselligkeit und Austausch,
- die Materialien,
- die Instrumente,
- das Musizieren: allein oder im Ensemble musizieren, gemeinsam singen, welche musikalischen Wünsche gilt es zu berücksichtigen?
- weitere inhaltliche Komponenten: Rhythmus und Tanz, „Wellness“ mit Musik, Musik zum Mitspielen und Musizieren ohne häusliches Üben,
- die Rahmenbedingungen:
· Räume und Sitzplätze
· Cafeteria, Pausen, Lärmpegel...
· Die Interessenvielfalt und -intensität
· Tagesform des Einzelnen.
Fazit
· Durch spezielle Angebote für Menschen ab der Lebensmitte erweitert sich der Kreis derjenigen, die ihr Leben mit Musik gestalten und bereichern können.
· Durch Musikangebote für die älteren Erwachsenen steigen deren Lebensqualität und Teilnahme am öffentlichen Leben (Anschluss an Gruppen, Aufsuchen eines Treffpunktes außerhalb der eigenen Wohnung, Vorführung des Gelernten vor anderen).
· Durch spezielle Angebote für diese Zielgruppe steigt die Kompetenz der Kursus- und Materialanbieter, weil sie Erfahrungen im kommunikativen und sozialen Umgang mit älteren Menschen sammeln bzw. intensivieren.
Durch entsprechende Musikvermittlung müssen wir künftig heterogenen Bevölkerungsschichten unterschiedliche Wege zur Musik anbieten, Annäherung und Verständnis für Musik in ihrer Vielfalt bewirken, Menschen ermutigen, das eigene Musizieren generationsübergreifend - in welcher Form und auf welcher Fähigkeitsstufe auch immer - als selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens zu verstehen sowie neben der Konzentration auf die Früh- und Spitzenförderung aufzeigen, dass musikalische Betätigung und Bildung auch zur sinnerfüllten Lebensgestaltung im Alter beitragen kann. Musikalische Frühförderung ist die beste „Altersvorsorge“ für das Gehirn und das Seelenleben eines Menschen. Zusätzlich müssen wir jetzt verstärkt Angebote für Ältere entwickeln, denn sie werden in wenigen Jahren die Mehrheit der Bevölkerung stellen.
Musizieren bedeutet immer: Freude und emotionalen Gleichklang, Rhythmus und Gemeinsamkeit, Singen und Spielen. Dass solche aktive Beschäftigung mit Musik allen Menschen von der Geburt bis ins Greisenalter gut tut, wussten Platon und Friedrich Schiller, Pythagoras und Rudolf Steiner, Johann Heinrich Pestalozzi und Maria Montessori ebenso wie Sie und ich.
Prof. Asmus J. Hintz
Itzstedt, im Juni 2007